Ruhe in unruhigen Zeiten


Heute ist der letzte Schultag meiner Tochter. Danach wird sie für fünf Wochen zu Hause bleiben. Die Klassenlehrerin wird der Klasse Aufgaben mitgeben. Heute ist auch der letzte Tag, an dem mein Sohn in die Kita geht. Ich werde ihm heute Nachmittag erklären müssen, dass sein Übernachtungsbesuch bei seiner Kindergartenliebe, auf den er seit 1 Woche sehnsüchtig wartet, ausfällt und auf unbestimmte Zeit verschoben ist.


Ganz ehrlich, ich habe nicht damit gerechnet. Vor ein paar Tagen habe ich mit der Mutter der Kindergartenliebe meines Sohnes besprochen, dass der Übernachtungsbesuch stattfinden wird, wenn alle gesund bleiben. Vor ein paar Tagen habe ich auch noch einer Geburtstagseinladung meiner Tochter zugesagt. Vor ein paar Tagen habe ich mich über Anmeldungen für meinen Workshop gefreut, den ich nächste Woche veranstalten wollte. Habe einen Raum reserviert. Letzte Woche habe ich noch einen Bekannten belächelt, der mir sagte, dass er ohne seine Handschuhe nicht mehr aus dem Haus geht. Am Freitag habe ich mich bei meinen Schauspielstudenten verabschiedet mit der Aussage: "Bis nächste Woche".


Vielleicht war das naiv. Vielleicht wollte ich aber auch nicht damit rechnen.


Ich merke, wie mich Covid-19 ganz allmählich aus meiner Komfortzone herauskitzelt. Wie die Unruhe in mein Leben einzieht. Seit einer Woche habe ich latente Kopfschmerzen. Ich bin unter Druck. In der Whatsapp Gruppe der Kita schrieb gestern eine Mutter: "Es wird schlimm." Daraufhin ein Vater: "Ihr spinnt alle!" Ein langes Wortgefecht zog sich über mehrere Nachrichten hin. Schließlich hat ein anderes Elternteil die Gruppe verlassen.

Zu den Unwegsamkeiten in meinem Leben und dem meiner Familie gesellt sich die Sorge um meine 98-jährige geliebte Großmutter, um meine Mutter und meinen Vater und die anderen älteren Familienmitglieder. Letzte Woche haben die meisten meiner Coachingsessions bereits über Skype stattgefunden. Mittlerweile sind alle Termine gecancelt. Die Schauspielschule geschlossen. Die Filmschule geschlossen. Ich bin selbstständig. Notgedrungen fange ich an, mir einen Plan B für zu entwerfen.


Die Stille ist das Atemholen der Welt. Friedel-Marie Kuhlmann

Der allererste Shift beginnt in meinem Kopf. Ich begegne gerade einer Herausforderung. So wie alle anderen Menschen auf dieser Erde. Ein großer Moment. Er kreiert für mich ein Gefühl der Verbundenheit. Ich spüre, es geht um Vertrauen. Ich weiß, dass ich neue Wege meistern werde. Ich fokussiere mich auf Dankbarkeit. Und auf die vielen Möglichkeiten, die es um mich herum gibt. Möglichkeiten für mich persönlich, für meine Familie, und Möglichkeiten anderen Menschen zu helfen und meine Unterstützung anzubieten.

Ich werde meinen Workshop online abhalten. Ich sitze vor meinem Rechner und mache mich mit Webcameras vertraut. Mit Clickmeeting, Zoom, Fastviewer & Co. Etwas, was ich sonst nie in Erwägung gezogen hätte. Noch vor ein paar Wochen hätte ich mich mit Händen und Füßen dagegen gesträubt. Ich liebe gemeinsame Workshops, Seminare, Kurse. Mit Menschen in einem Raum ein unvergessliches Erlebnis kreieren, ist für mich ein großes Glück. Deshalb hat mich das Theater seit meinem 12. Lebensjahr in den Bann gezogen. Das war meine Motivation, Schauspielerin werden zu wollen. Ich bin eindeutig ein Live-Mensch (gewesen).



Obwohl ich weiß, dass wir alle miteinander verbunden sind. Und das weiß ich nicht erst seit gestern. Um eine gemeinsame Energie zu kreieren, müssen wir nicht in einem Raum sitzen. Bestimmt hast du auch schon erlebt. Du denkst an jemanden und in diesem Moment klingelt das Telefon und diese Person ruft an.

Genau deshalb sind die ThetaHealing® Sitzungen, die ich über`s Telefon oder Whatsapp Call gebe, genauso erfolgreich wie eine vor Ort Sitzung. Weil ich dich nicht angucken muss, um zu spüren, wie es dir geht. Und noch weniger muss ich dich sehen, um dich intuitiv mit meinen Hellsinnen anzuschauen. Und weil wir alle miteinander verbunden sind, spüre ich neben meiner eigenen Unruhe auch die Unruhe, die in der Luft liegt. Die, die Welt erfasst hat.

Die nächsten Wochen werden wir in unser runtergerocktes Wochenendhäuschen in den Wald gehen. Dort gibt es kein warmes Wasser und nur eine kalte Außendusche. Und einen wunderschönen See. Am Sonntag haben wir bereits einen Abstecher dorthin gemacht und ich habe mich in den See getraut. Es war verdammt kalt. Meine Haut hat gebrannt. Meine Kopfschmerzen waren danach verschwunden. Die Kälte hat meinen Körper und meinen Geist neu justiert. Die nächsten fünf Wochen werde ich also im See baden.


Statt zu sagen: Sitz nicht einfach nur da – tue irgendetwas, sollten wir das Gegenteil fordern: Tue nicht einfach irgendetwas – sitz nur da. Thich Nhat Hanh

Ich werde viel Zeit mit meinen Kindern verbringen. Ich werde Hausaufgaben mit meiner Tochter machen. Ich werde den Lupenbecher mitnehmen und mit ihnen Käfer, Steine und Blätter untersuchen. Ich werde sie zu den Spaziergängen mit unserem Hund mitnehmen und mit ihnen durch die Wälder streifen. Ich werde tägliches Atemtraining und Yoga machen. Holz hacken. Unseren Garten beim Aufwachen aus dem Winterschlaf beobachten. Im Wohnmobil nachts mit zwei Wärmflaschen schlafen. Und dem Wind lauschen.


Ich werde zur Ruhe kommen. Ich will zur Ruhe kommen. Seit Entstehung der Menschheitsgeschichte gab es Ausnahmesituationen. Dieses ist für uns alle eine. Wenn ich mein Kopfkino auf Turbo schalte, bekomme ich Angst. Das Gegenteil von Angst ist für mich Vertrauen. Ich spüre, es ist dringend notwendig für mich, in meine innere Mitte zu kommen und in vollem Vertrauen dieser Ausnahmesituation zu begegnen. Ich weiß, ich aktiviere meinen inneren Kompass, indem ich jeden Tag in die Stille gehe und mich mit meiner Intuition verbinde. Wir alle haben immer wieder die Möglichkeit zu entscheiden, für welche Emotionen, welche Gedanken, welche Intention wir uns öffnen wollen. Die Abgeschiedenheit im Wald hilft mir dabei. Die Natur unterstützt mich, mich zu erden.



Könnte ich mich auch mitten in einer Großstadt erden? Ja, könnte ich. Um mich mit mir selbst zu verbinden, muss ich nicht in den Wald gehen. Das geht auch mitten in Berlin. Aber der Wald und die Luft hilft mir.

Alles, was ich dafür brauche, ist Me-Time. Ich brauche Rituale und kleine Verabredungen mit mir selber. Das ist auch in normalen Zeiten eine Herausforderung für mich. In der Woche nach der Schule und Kita und wochenends springen meine Kinder lautstark um mich herum. Und in dem meisten Fällen nicht nur meine eigenen, sondern auch noch Freunde und Nachbarskinder. Wenn ich Glück habe, spielen sie miteinander. Aber genauso oft streiten sie sich. Wenn sie sich nicht streiten und nicht miteinander spielen, wollen sie Aufmerksamkeit. Und zwar meine.

Es fällt mir nicht immer leicht, meinen Raum und meine Zeit zu beanspruchen. Aber es ist superwichtig. Sonst verliere ich mich selber aus den Augen. Ich kann nicht für andere Menschen da sein, wenn ich nicht zu allererst für mich da bin. Und für mich selber da sein, heißt für mich kleine Inseln der Ruhe schaffen, in denen ich in mich selbst hinein abtauchen kann. Aus diesen Zeiten komme ich gestärkt wieder an die Oberfläche des täglichen Lebens zurück. Mit einer anderen Sicht auf meine/unsere Ausnahmesituation.

Meine innere Stimme sagt zu mir: Konzentriere dich auf das Wesentliche. Wofür brauchtest du schon immer mal Zeit? Was wolltest du schon immer mal verändern? Ausprobieren? Lernen? Was sind die Dinge, die dir immer schon Magenschmerzen bereitet haben? Die du dir im normalen Lauf der Dinge aber nie angeschaut hast? Die du jetzt loslassen darfst?

So einiges verschwindet in meinem Leben in der Alltagsroutine zwischen Job, Familie, Kinder, Beziehung, Freunde und Hundebetreuung. Im Moment steht die Welt Kopf und mein Leben ist aus den Fugen geraten. Unruhe pur, ja. Und gleichzeitig Platz und Raum für Neues. Für eine andere Qualität von Zeit und Kontakt.


Der sicherste Ort für ein Schiff ist der Hafen. Doch dafür sind Schiffe nicht gemacht. Albert Einstein

Ich frage mich, wer möchte ich sein, in diesen Zeiten? Die Suche nach Identität war lange Jahre ein immer wiederkehrendes Thema für mich. Wer bin ich, habe ich mich eins um andere Mal gefragt? Mittlerweile frage ich, wer möchte ich sein? Und verhalte mich dementsprechend. In meinem Alltag mit den automatisierten Abläufen klappte das bislang sehr gut. Im Moment bekommt diese Frage eine ganz andere Dimension. Wer möchte ich sein in einer Herausforderung? Wer möchte ich sein in einer Krise? Wer möchte ich sein in einer unruhigen Zeit?


Ich habe ein sehr genaues Bild, wer und was ich sein möchte. Ich möchte die Krise als eine Chance verstehen. Es bietet sich mir gerade die Möglichkeit, Altes auszumisten, zu überprüfen, in welche Richtung ich mit mir und meinem Job weitergehen möchte, was sich für mich als brauchbar erweist und was nicht. Ich möchte raus aus der Stadt und den Luxus und die Bequemlichkeit aufgeben, um die Zeit in der Natur zu verleben, die wir sonst vermeintlich nicht dafür haben. Ich möchte die Zeit mit meinen Kinden genießen und ihnen die Stabilität und Sicherheit bieten, die ich für wichtig erachte. Ich möchte mit meiner Tochter eine neue Qualität von Lernen ausprobieren. Ich möchte mit ihnen an der frischen Luft sein und Fußball spielen. Ich möchte im kalten See baden.

Darüber hinaus möchte ich meine wiedergefundene Ruhe, meine Tools, mein Wissen, meine Qualitäten an meine Mitmenschen weitergeben. Ich stehe per Skype und Zoom für Menschen zur Verfügung, die meine Unterstützung im Moment umso mehr brauchen. Ich nehme die Herausforderung an, Workshops als Webinare anzubieten. Ich schreibe ein Buch. Ich werde ab Donnerstag auf Facebook jeden Tag live vorlesen. Ich möchte Kindern eine Freude machen und Eltern ein bisschen Me-Time ermöglichen. Weil ich ein Mensch sein möchte, der lernt und sich weiterentwickelt, der die Herausforderung voll Vertrauen annimmt, anstatt zu verzweifeln, in Angst zu verfallen und Hamsterkäufe zu tätigen. Ich möchte Menschen anregen und inspirieren, die eigene Ruhe zu finden in diesen unruhigen Zeiten.

Es liegt Veränderung in der Luft. Ich möchte die Veränderung sein, die ich mir für diese Welt wünsche. Frei nach Gandhi.




Workshops

Let`s breathe together! THE POWER OF BREATHING wird am 29.03.2020 12-14.30H ONLINE stattfinden.

Tickets bekommst du HIER. Das Webinar wird aufgezeichnet und ab dem 30.03.2020 allen Teilnehmerinnen uneingeschränkt zur Verfügung gestellt.



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